Rohstoffe für die Energiewende: Wie viel brauchen wir wirklich?

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Mehr zur Publikation „Weniger ist Mehr – Warum eine Rohstoffwende ohne Reduktion nicht möglich ist“, eine Kurzfassung und weitere Informationen findet ihr hier: https://power-shift.de/rohstoffverbrauch-senken-warum-deutschland-eine-rohstoffwende-braucht-powershift/

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Weniger ist Mehr – Warum eine Rohstoffwende ohne Reduktion nicht möglich ist

Kupfer. Nickel. Aluminium. Stahl.

Wir brauchen diese Metalle für Windräder und Solaranlagen, für Stromnetze, Bahnstrecken und Elektroautos.

Und wenn wir unsere Wirtschaft klimaneutral machen wollen, wird die Nachfrage nach einigen dieser Metalle weiter steigen.

Also brauchen wir einfach mehr davon – richtig?

Nicht unbedingt.

Denn diese Schlussfolgerung übersieht eine ziemlich entscheidende Frage:

Wie viele Rohstoffe brauchen wir eigentlich wirklich? Und vor allem: Wofür wollen wir sie einsetzen?

Darum geht es in dieser Folge von Kompass Weltwirtschaft.

Deutschland und die Europäische Union beschäftigen sich gerade intensiv mit ihrer Rohstoffversorgung.

Neue Lieferländer sollen gefunden, Lieferketten diversifiziert, Recycling ausgebaut und neue Bergbauprojekte erschlossen werden.

Dahinter steckt ein reales Problem: Deutschland ist bei metallischen Primärrohstoffen fast vollständig auf Importe angewiesen.

2019 lag der deutsche Verbrauch metallischer Rohstoffe bei rund 168 Millionen Tonnen Rohstoffäquivalenten. Das sind ungefähr zwei Tonnen pro Kopf.

Und unser gesamter Rohstoffverbrauch liegt mehr als 30 Prozent über dem globalen Durchschnitt.

Aber wenn wir über diese Zahlen sprechen, lohnt sich ein genauerer Blick.

Bemerkenswert ist: Nur vier Basismetalle – Eisen, Aluminium, Kupfer und Nickel – machen zusammen rund 94 Prozent des deutschen Metallkonsums aus, wenn man die direkt eingesetzten Mengen betrachtet.

Und große Mengen davon fließen schon heute vor allem in Autos und Gebäude.

Unser Rohstoffbedarf entsteht also keineswegs allein durch die Energiewende.

Und genau hier liegt ein blinder Fleck der bisherigen Rohstoffpolitik:

Wir diskutieren sehr viel darüber, woher die Rohstoffe kommen sollen.

Aber erstaunlich wenig darüber, wie viel wir eigentlich wirklich brauchen.

Dabei ist Rohstoffbedarf keine Naturkonstante. Und Bedarfsprognosen zeigen keine unveränderbare Zukunft.

Der Rohstoffbedarf hängt davon ab, wie wir unsere Städte bauen. Wie wir uns fortbewegen. Wie groß und schwer unsere Autos sind. Wie lange wir Smartphones nutzen. Wie reparierbar Produkte sind. Und wie viel Material wir wiederverwenden.

Rohstoffbedarf ist politisch und gesellschaftlich gestaltbar.

Warum ist das wichtig?

Zunächst einmal aus einer Frage der globalen Gerechtigkeit.

Denn der hohe Rohstoffverbrauch Deutschlands und Europas hat Folgen – und viele davon entstehen weit entfernt von uns.

Nehmen wir den Rohstoff Nickel.

Nickel wird unter anderem für Batterien und Edelstahl gebraucht. Rund zwei Drittel des weltweit geförderten Nickels kommen inzwischen aus Indonesien.

Dort wurden für den Nickelabbau bereits rund 80.000 Hektar Regenwald gerodet. Weitere rund 500.000 Hektar – eine Fläche mehr als fünfmal so groß wie Berlin – sind für Bergbau und die dazugehörige Infrastruktur vorgesehen. Und die energieintensive Verarbeitung des Nickels basiert zu erheblichen Teilen auf Kohle.

Oder schauen wir auf Peru, einen der wichtigsten Kupferproduzenten der Welt.

Der Rohstoffreichtum des Landes bedeutet nicht automatisch Wohlstand für die Menschen in den Abbauregionen. Ein erheblicher Teil der Wertschöpfung verlässt das Land, während soziale und ökologische Kosten vor Ort bleiben.

Auf den Philippinen gefährdet Bergbau Wälder, Wasservorkommen, Küsten, Fischerei und Landwirtschaft. Gleichzeitig trägt der Bergbausektor nur vergleichsweise wenig zu Beschäftigung und wirtschaftlicher Entwicklung bei.

Gemeinden, indigene Gruppen und soziale Bewegungen organisieren sich in vielen Ländern. Sie wehren sich gegen Projekte. Sie fordern Mitspracherechte und das Recht, Nein zu sagen. Und sie entwickeln eigene Vorstellungen davon, wie ihre Territorien genutzt werden und wie wirtschaftliche Entwicklung aussehen soll.

In Südafrika geht die Debatte weiter. Dort fordern Bewegungen Entschuldung und ökologische Reparation: also nicht nur weniger neue Schäden, sondern auch die Wiederherstellung bereits geschädigter Landschaften und Ökosysteme und mehr lokale Kontrolle über wirtschaftliche Entwicklung.

Die gemeinsame Botschaft aus diesen Ländern ist: Eine global gerechte Transformation kann nicht darauf beruhen, immer mehr Rohstoffe abzubauen, damit ressourcenintensive Wirtschafts- und Konsummodelle im Globalen Norden weitgehend unverändert bleiben.

Weniger Rohstoffverbrauch im Globalen Norden löst diese Konflikte nicht automatisch.

Aber er kann den Druck reduzieren, immer neue Abbaugebiete zu erschließen – und damit mehr Raum für selbstbestimmte Entwicklungswege schaffen.

Rohstoffpolitik ist deshalb nicht nur eine Frage der Versorgungssicherheit. Sie ist eine Frage globaler Gerechtigkeit.

Und Reduktion ist auch ökologisch notwendig. Denn selbst mit mehr Recycling und effizienteren Technologien lässt sich ein immer weiter wachsender Rohstoffverbrauch nicht dauerhaft innerhalb ökologischer Grenzen organisieren.

Aber lässt sich unser Rohstoffverbrauch überhaupt deutlich reduzieren?

Ja.

Unsere Untersuchungen zeigen erhebliche Potenziale – besonders in den Bereichen Mobilität und Bauen.

Ein Modellszenario kombiniert beispielsweise 30 Prozent weniger Pkw-Neuzulassungen mit einer Verschiebung von größeren hin zu kleineren Fahrzeugen.

Allein dadurch könnten bis 2050 rund 37 Millionen Tonnen Metalle eingespart werden.

Noch größer ist das Potenzial beim Bauen und Wohnen.

Ein Modellszenario mit weniger Einfamilienhäusern und einer durchschnittlichen Wohnfläche von 35 Quadratmetern pro Person kommt bis 2050 auf eine Einsparung von rund 52 Millionen Tonnen Metallen.

Wichtig ist dabei: Das ist keine Forderung, jedem Menschen 35 Quadratmeter Wohnfläche vorzuschreiben.

Es ist ein Szenario, das zeigt, wie stark unser Rohstoffbedarf von politischen und gesellschaftlichen Entscheidungen abhängt.

Und natürlich darf eine Reduktion der durchschnittlichen Wohnfläche nicht bedeuten, dass Menschen mit wenig Platz noch enger wohnen müssen. Es geht vor allem darum, vorhandenen Wohnraum besser zu nutzen und ungenutzte Flächen zu mobilisieren – statt soziale Ungleichheit durch Zwang zu verschärfen.

Auch bei Produkten gibt es große Potenziale.

Würden wir Smartphones im Durchschnitt vier statt zwei Jahre nutzen, könnte sich ihr Bedarf an wichtigen Basismetallen ungefähr halbieren.

Und auch Kreislaufwirtschaft ist unverzichtbar.

Bei Stahl könnten hohe Sekundärrohstoffanteile Millionen Tonnen Primärrohstoffe einsparen.

Aber:

Recycling allein reicht nicht.

Denn wenn der gesamte Rohstoffbedarf immer weiter wächst, kann auch sehr gutes Recycling den steigenden Bedarf nicht vollständig mit Sekundärmaterial decken.

Deshalb brauchen wir drei Dinge zusammen:

Suffizienz, Effizienz und Kreislaufwirtschaft.

Also: weniger unnötigen Materialverbrauch, Material möglichst effizient einsetzen – und Rohstoffe so lange und hochwertig wie möglich im Kreislauf halten.

Und damit kommen wir zur vielleicht wichtigsten Frage.

Wer entscheidet eigentlich, wofür wir begrenzte Rohstoffe einsetzen?

Das klingt zunächst abstrakt.

Beim Beispiel Kupfer wird es sehr konkret.

Kupfer wird für Stromnetze, erneuerbare Energien und Elektromobilität gebraucht. Gleichzeitig steckt es aber auch in einer Vielzahl anderer Produkte und Anwendungen.

Analysen der Internationalen Energieagentur zeigen: Unter aktuellen Prognosen könnten bestehende und angekündigte Kupferminen die erwartete Nachfrage bereits ab 2030 nicht mehr vollständig decken.

Wenn das passiert, muss zwangsläufig priorisiert werden.

Die Frage ist nur: wie?

Eine Möglichkeit ist, einfach abzuwarten.

Dann entscheiden Preise, Knappheit, Marktmacht und geopolitische Konflikte darüber, wer sich Rohstoffe leisten kann und wer Zugang zu ihnen bekommt. Deutschland und Europa konkurrieren hier mit den USA oder China.

Wir nennen das:

Transformation by Disaster.

Die Alternative ist:

Transformation by Design.

Also den Rohstoffbedarf vorausschauend senken – und demokratisch darüber entscheiden, welche Anwendungen gesellschaftlich besonders wichtig sind.

Brauchen wir begrenzte Rohstoffe beispielsweise für Stromnetze, erneuerbare Energien, öffentlichen Verkehr und Daseinsvorsorge?

Oder wollen wir gleichzeitig immer größere Autos, immer größere Wohnflächen und immer kurzlebigere Produkte mit Rohstoffen versorgen?

Das sind keine rein technischen Fragen.

Es sind politische Verteilungsfragen.

Und jede Entscheidung darüber, wofür wir Rohstoffe einsetzen, ist gleichzeitig eine Entscheidung darüber, wo und für wen die sozialen und ökologischen Folgen ihres Abbaus entstehen.

Was folgt daraus politisch?

Erstens brauchen Deutschland und Europa verbindliche Ziele zur Senkung des Primärrohstoffverbrauchs – mit konkreten Zwischenzielen und einem Monitoring, das zeigt, ob sie erreicht werden.

Zweitens müssen wir darüber diskutieren, welche Rohstoffnutzungen gesellschaftlich notwendig sind und deshalb Priorität haben sollten.

Drittens müssen besonders rohstoffintensive Bereiche wie Mobilität und Bauen verändert werden.

Viertens brauchen wir Produkte, die langlebig, reparierbar und kreislauffähig sind.

Und fünftens reicht eine gerechte Rohstoffpolitik nicht an Europas Grenzen.

Menschen in Abbauregionen brauchen verbindliche Rechte – einschließlich des Rechts, Nein zu einem Bergbauprojekt zu sagen. Und Rohstoffpartnerschaften müssen lokale Wertschöpfung und selbstbestimmte Entwicklung stärken, statt rohstoffreiche Länder auf ihre Rolle als Lieferanten zu reduzieren.

Wenn immer mehr Akteure um immer größere Mengen begrenzter Rohstoffe konkurrieren, steigen auch ökologische und menschenrechtliche Risiken, soziale Konflikte und geopolitische Spannungen.

Das kann die Versorgung gefährden, anstatt sie zu sichern.

Deshalb müssen wir die Perspektive verändern.

Nicht nur:

Woher bekommen wir genügend Rohstoffe?

Sondern:

Wie viele brauchen wir? Wofür brauchen wir sie? Und wer trägt die sozialen und ökologischen Kosten ihres Abbaus?

Jede Tonne Primärrohstoff, die nicht abgebaut werden muss, reduziert den Druck auf Abbauregionen.

Sie verringert unsere Abhängigkeit von fragilen Lieferketten.

Und sie schafft mehr Spielraum für eine gerechte Nutzung begrenzter Ressourcen.

Eine Reduktion des Rohstoffverbrauchs ist deshalb kein Hindernis für die sozial-ökologische Transformation.

Sie ist eine ihrer Voraussetzungen.

Mehr dazu findet ihr in unserer neuen Publikation „Weniger ist Mehr – Warum eine Rohstoffwende ohne Reduktion nicht möglich ist“.

Die Publikation, eine Kurzfassung und weitere Informationen findet ihr in den Shownotes.

Ihr hört Kompass Weltwirtschaft, den Podcast von PowerShift.

Wenn euch die Folge gefallen hat, abonniert uns gerne auf eurer Podcastplattform.

Bis zum nächsten Mal.

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